Von wegen 08/15!

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Oskar Fehlau (13. Jahrgang) gewinnt mit Teilnehmernummer 2021-0815 einen dreistelligen Förderpreis beim Geschichtswettbewerb des Bundespräsidenten

Mit seinem Beitrag „Links Fahren – Rechts Jubeln? Politische Inszenierungen in Ritualen des Sports“ hat Oskar nicht nur eine beeindruckende wissenschaftliche Ausarbeitung eingereicht, sondern thematisch einen gesellschaftlichen Diskussionsschwerpunkt getroffen, den er über die Seminarfacharbeit im 12. Jahrgang bis hin zu einer mit Interviews gespickten Ausarbeitung von 50 Seiten weiterentwickelt hat.

„Grundsätzlich war es naheliegend, dass ich ein Thema im Zusammenhang mit dem Radsport wähle, da ich selbst regelmäßig auf dem Mountainbike und dem Rennrad unterwegs bin und „die“ Geschichte des Sports eine gewisse Präsenz in meiner Familie hat. Der Anstoß, sich intensiver mit diesem Thema zu beschäftigen, ist durch den Seminarfachkurs „Augˋ in Augˋ mit der Geschichte - Zeitzeugen im Kontext der Geschichtsschreibung“ gekommen.
Bei ersten Recherchen zum deutschen Radsport stieß ich auf den Bahnradfahrer Albert Richter. Er war während des NS-Regimes einer der besten und bekanntesten deutschen Radsportler und Weltklasse in seiner Disziplin, dem Sprint. Den Ausschlag, seine Geschichte zum Gegenstand meiner Arbeit zu machen, war, dass er sich in der NS-Zeit gegen das System gewendet und sich dadurch deutlich politisch positioniert hat, und zwar, indem er etwa während einer Siegerehrung den Hitlergruß verweigerte.
Im Anschluss entschied ich mich diesem historischen Protagonisten eine Person des aktuellen Zeitgeschehens gegenüberzustellen - den US-amerikanischen Footballspieler Colin Kaepernick. Der Quarterback hatte eine sehr steile Karriere in der National Football League (NFL) der USA. Im Jahre 2016 begann er, sich zu Beginn der NFL Spiele, während die Spieler stehend gemeinsam die US-Nationalhymne singen, hinzuknien. Das tat er, um auf die Polizeigewalt gegenüber Schwarzen aufmerksam zu machen und er wollte zeigen, dass sich die Inhalte und Werte der Nationalhymne für Weiße und Schwarze in unterschiedlichen Realitäten offenbaren. Aufgrund dessen kam es zu einer weitreichenden öffentlichen Diskussion und er wurde daraufhin von seinem Team für eine gewisse Zeit suspendiert und erhielt keinen Folgevertrag. Bis heute hat er keinen Vertrag in der NFL.
Einmal formuliert, hat mich das Thema sehr gepackt. Insbesondere, wie unterschiedlich sich politische Inszenierungen auf die Karrieren der beiden Sportler ausgewirkt haben, hat meine Aufmerksamkeit gewonnen. Die Folgefrage, welche Konsequenzen die politischen Inszenierungen auch für andere Sportler hatten, drängt sich auf und ist für mich genauso interessant.

Ich habe mich zum Beginn erst einmal mit der Biografie von Albert Richter auseinandergesetzt. Im Zuge dessen habe ich mich natürlich auch mit dem Bahnradsport an sich beschäftigt. Dass in diesem stets linksherum gefahren wird, erfuhr ich erst bei diesen Recherchen. Zunächst notierte ich es mir diesen Fakt. Der zweite Teil des Titels „Rechts jubeln“ ist in Bezug zu Albert Richter natürlich auch sehr naheliegend, da er das „rechte Jubeln“ – sprich den rechten Arm zum Hitlergruß zu erheben – während der NS-Zeit vermieden hat. Bei der Paarung „Links-Rechts“ hat es dann „Klick“ gemacht und ich kombinierte das Fahren nach Links mit dem politischen Rechts zum Titel: „Links Fahren – Rechts Jubeln? Politische Inszenierungen in Ritualen des Sports“.

Für meine Recherche in Bezug auf Albert Richter habe ich zum Auftakt das Buch „Der vergessene Weltmeister“ von Renate Franz gelesen. Das Buch gilt unter Fachleuten als die vollständigste Biografie des Sportlers, dessen Leben unterm Hakenkreuz kein Einzelschicksal ist. Die sehr gute und ausführliche Quellenarbeit der Autorin gibt der Aufarbeitung des Lebens und Wirkens von Albert Richter einen sehr hohen Quellenwert.
Bei Colin Kaepernick habe ich zunächst mit einem Video über seine sportliche Laufbahn begonnen. Da Kaepernicks Protest im Zeitalter des Internets stattfand, bot es sich an, die weitere Recherche in selbigem durchzuführen. Um ein besseres Verständnis der „US-Perspektive“ und der Stimmung in den USA im Jahre 2016/2020 zu erhalten, habe ich zudem mit dem deutschen Journalisten Sebastian Moll, der seit langem von New York aus für diverse renommierte deutsche Medien über die USA berichtet, Kontakt aufgenommen und ein Interview geführt. Gerade aus diesen beiden Experteninterviews habe ich viele Erkenntnisse gewonnen, Hintergründe erfahren und Einschätzungen erhalten, die ich zuvor in keinem Buch oder Artikel gelesen hatte.
Nachdem ich von der Seminarfachlehrerin im Herbst 2020 auf den Geschichtswettbewerb aufmerksam gemacht wurde und noch ein paar Wochen Bedenkzeit hatte, habe ich dann den Entschluss getroffen teilzunehmen. Da das Thema „Politische Inszenierung im Sport“ im Jahr 2020 weltweit mehr und mehr an Aufmerksamkeit gewann, besonders durch die „Black Lifes Matter“-Bewegung, fiel es mir nicht mehr wirklich schwer, nochmal einen aktuelleren Bezug herzustellen, weitere Quellenarbeit zu leisten und die Ausarbeitung auszubauen - um das Zweieinhalbfache.

Wie wichtig eine Auseinandersetzung mit den Zusammenhängen zwischen Sport und Politik ist, sieht man nicht zuletzt an der aktuellen EM, bei der „Cola-Gate“ und die Diskussion um regenbogenfarbene Armbinden oder Stadionbeleuchtungen die Berichterstattungen um sportliche Leistungen zu überlagern scheinen. Dass das Hinknienen vor Beginn, wie beim Spiel England-Schottland, mittlerweile scheinbar zum guten, sportlichen Ton zu gehören scheint, wird den „Initiator“ Colin Kaepernick wohl kaum trösten, zumal sein Name in diesem Zusammenhang nicht mehr genannt wird, wie mir scheint.
Ich freue mich daher umso mehr, dass meine Arbeit mit einem Förderpreis honoriert wurde, da mir diese Auszeichnung zugleich wie eine Würdigung der Courage Albert Richters und Colin Kapernicks „rüberkommt“, deren Namen, auch durch diesen Artikel, ein weiteres Mal der Vergessenheit entrissen wurden.

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